La Piazza Magica

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Hoch oben auf den Klippen über dem Meer, liegt inmitten eines kleinen italienischen Städtchens eine kleine Piazza. Wie so oft  im Süden treffen sich hier, direkt vor der Kirche, die Kinder um Eis zu essen, miteinander zu spielen und Spaß zu haben. Alle anderen Bewohner des Ortes nutzen diesen Treffpunkt als erweitertes Wohnzimmer, das sie als Nachrichtenbörse und Vermittlungsbüro betrachten. Folgt man dem Weg geradeaus über die Piazza und entlang der gepflasterten Stichstraße in Richtung Meer, endet der Weg an einem  quadratischen Platz. Zwei hohe, mehrstöckige Villen begrenzen diesen an den Seiten, in Richtung Westen bietet ein schmiedeisernes Geländer Schutz, um nicht in die Tiefe zu stürzen.

Weit über das türkis blaue Wasser der Bucht hinaus, erstreckt sich von dort oben ein atemberaubendes Panorama entlang der Küste und den sich anschmiegenden Stränden. Am Horizont zeichnen sich die Konturen eines Vulkans ab, aus dessen Kegel graue Rauchschwaden in die Luft steigen. Es scheint, als würde die Erde hier mit dem etwa zwei Bootsstunden entfernten Berg korrespondieren und wichtige Nachrichten austauschen, und auch die Einheimischen behaupten, es läge mehr als nur ein salziger Geruch in der Luft.

Seit einigen Jahren kommen immer mehr verliebte Paare hierher, um sich vor der berauschenden Kulisse das Jawort zu geben. Auch an dem ersten heißen Juniwochenende diesen Jahres, schlendert eine junge hübsche Frau und ihr Freund durch die Altstadt. Eng umschlungen spazieren sie durch den Ort und betrachten liebevoll all jene Plätze und Kulissen, an denen sie am Tag nach ihrer Trauung Fotos machen wollen. Chiara, die zukünftige Braut, kann sich nicht satt sehen an all den Mauern und Winkeln, ehrwürdigen Fassaden und blumenbepflanzten Eingängen. Ihr fällt es schwer eine endgültige Location festzulegen und so biegt sie immer wieder um eine weitere Hausecke und in eine andere Gasse, um auf gar keinen Fall einen noch schöneren Platz zu übersehen.

Und nach einem kurzen Blick auf die Speisekarte eines Restaurants ist es geschehen! Ihr Freund Toni will ihr zeigen, dass es dort frischen Schwertfisch gibt, dreht sich um und…sieht sie nicht mehr. Laut ruft er mehrmals ihren Namen aber Chiara bleibt verschwunden. Toni macht kehrt und geht zu der Stelle zurück, wo sie vorhin eine alte Dame gegrüßt hatten. Fasziniert hatten die beiden ihre knochige Hand gedrückt, die sie ihnen zum Gruß mit einem beinahe zahnlosen Lächeln entgegenstreckte, bevor sie sich wieder schwerfällig auf einen klapprigen Holzstuhl vor den schattigen Hauseingang niederließ.

Aber auch dort ist weder eine Spur der alten Dame, noch von Chiara zu sehen. Toni wartet einen Moment, dann läuft er weiter. „Sie wird zurück ins Hotel gegangen sein“, murmelte er und schlägt die Richtung dahin ein. Ein dumpfes Grollen ist nun plötzlich vom Meer her zu hören, das ihn zunächst an ein Gewitter denken lässt. Aber die Sonne scheint weiterhin, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Er stutzt kurz, geht aber weiter als ein neues tiefes Grummeln heran rollt. Zwischen zwei Häuserfronten kann er auf das Meer sehen, das sich nun schlagartig von türkis blau in ein zunächst geheimnisvolles Dunkel-, dann tiefes Nachtblau und nach ein paar Momenten in ein bedrohliches Grauschwarz verwandelt. Windböen kommen auf und aus den sanften Wellen vom Morgen werden Gischt schäumende, meterhohe Brecher – so als hätte sich das Wasser verschluckt und wolle mit großer Gewalt den Fremdkörper wieder ausspucken.

Der Himmel verfinstert sich sekundenschnell und kräftige Windböen zerren an seinen Haaren. Das ist mehr als unheimlich, denkt er und bleibt erschrocken stehen. Die zunächst eingeschlagene Richtung, die zum Hotel führen soll, endet an einer steinernen Treppe, die in vielen ausgetretenen Stufen mindestens 50 Meter nach oben führt. Toni spürt einen Luftzug nah an seinem Ohr, dreht sich um – und da ist sie plötzlich wieder: die zahnlose alte Frau von vorhin steht vor ihm, fuchtelt aufgeregt mit den Händen in der Luft, während sie vor sich hin brabbelt: „Il vulcano, il vulcano…avanti avanti“ und weist ihn an, die Stufen zu nehmen und nach oben zu laufen. „Vai vai“ ruft sie und ihr gekrümmter Zeigefinger zeigt ganz nach oben auf ein Haus mit dunkelgrünen Fensterläden, von den die meisten verriegelt sind. Toni läuft los.

Die ersten Stufen sind flach und ganz glatt. So gewinnt er schnell an Höhe. Aber nach ein paar Kurven werden sie uneben, sind mit Gras und Disteln bewachsen, so dass er genau aufpassen muss, wohin er tritt. Der Wind nimmt an Stärke zu und als er etwa die Hälfte der Treppe geschafft hatte, befindet er sich über den Häusern des Ortes und der Blick auf den Vulkan und das Meer ist völlig frei. Zum Sturm und dem mittlerweile tosendem Wind, gesellen sich nun grelle Blitze an der Spitze des Berges. Rote, gelbe und orangefarbene Lavabrocken werden aus dem Krater weit in den Himmel gespuckt und fallen dann dampfend ins Meer.

Stufe für Stufe weiter empor laufend, keuchend und schwitzend, erreicht er schließlich den kleinen Platz am Ende der Stiege. Salzige Schweissperlen laufen ihm von der Stirn in sein Gesicht, das Hemd klebt am Rücken und die nackten Füße, die in einfachen Flipflops stecken, sind blutig, zerschunden von den rauen Treppenabsätzen und den stachligen Disteln am Weg. Toni wischt sich mit dem Unterarm über das Gesicht und hält weiter Ausschau nach Chiara. Laut ruft er mehrmals ihren Namen, jedoch ohne Erfolg. Die kleinen Villen, die hier oben am Rande der Piazza stehen, sind scheinbar unbewohnt und nach Luft schnappend, lehnt er sich an eine Kanone, die noch aus Napoleons Zeiten stammt.

„Chiara, wo bist du???“ schreit er nun verzweifelt dem tosenden Wind entgegen, als er plötzlich stutzt. Ein einziger Balkon in dem Haus mit dem grünen Fensterläden ist nicht verschlossen. Die Holzläden sind ordentlich an der Seite eingehakt, dicke rote Geranien blühen in Tontöpfen an der Hauswand. Toni zwingt sich, ruhig zu atmen, denn ganz leise und noch undeutlich, hört er Musik. Musik, die aus einer italienischen Oper stammt, und die er mit Chiara erst vor ein paar Wochen besucht hatte. Die Töne werden lauter, der Klang schwillt an und nach einigen Minuten tritt ein Mann auf den Balkon. Er ist sehr klein und trägt eine schwarze Stoffhose. Mit den silbernen Hosenträgern über dem weißen Unterhemd und seiner Zigarre im Mund, erinnert er ihn an einen Darsteller aus dem Filmklassiker „Der Pate“.

Der Mann macht einen Schritt vor zum Balkongeländer, fährt sich mit einem Kamm durch die vollen weißen Haare und pafft genüsslich eine Zigarre. Im Zimmer dreht jemand den Ton noch lauter, denn der Alte beginnt die rechte Hand hochzunehmen und die Zigarre zum Taktstock umzufunktionieren. Gewaltige Ouvertüren schallen über den Platz und Toni starrt fassungslos hinüber. Fast zeitgleich mit Beginn der Musik, lässt der Sturm nach, das Meer beruhigt sich, der Vulkan ist nur noch als grauer, etwas unscharfer Kegel zu erkennen. Nach und nach öffnen sich in den anderen Stockwerken ebenfalls die Fensterläden. Frauen beginnen Wäsche aufzuhängen, Katzen schleichen heraus, um sich in der warmen Sonne zu räkeln. Die Musik von gegenüber jedoch spielt weiter und der alte Herr nimmt schließlich auf einem kleinen wackligen Hocker Platz und schließt die Augen. Entspannt lauscht er dem musikalischen Kunstwerk zu, ab und zu zieht er an seiner Zigarre. Toni setzt sich auf die grün gestrichene Bank neben der Kanone, lehnt sich an und legt den Kopf in den Nacken.

Plötzlich legt sich eine zart nach Zitrone riechende Hand von hinten über seine Augen, die zweite streichelt sanft über seine verschwitzte Stirn. „Hier sitzt Du also in aller Ruhe, während ich mich um unsere besten Fotomotive kümmere“, sagt Chiara hinter ihm. „Du warst auf einmal weg. Um den Überblick zu bekommen und Dich eventuell von oben zu entdecken, bin ich hierher hinaufgelaufen.“ Chiara geht um die Bank herum und setzt sich neben ihn. Den Kopf an seine Schulter gelehnt, murmelt sie: „Ich war kurz auf dem Friedhof neben der Kirche als ich auf einem kleinen Grabstein ein Foto eines Ehepaares entdeckte. Stell Dir vor, die beiden waren über siebzig Jahre verheiratet. Er war Operndirigent, sie Künstlerin. Sie arbeitete mit den schwarzen Lavasteinen, die das Meer bei Sturm immer wieder an Land spült und gemeinsam lebten sie ein sehr glückliches und langes Leben. So stand es auf einer kleinen Inschrift neben dem Grabstein. Eine eigenartige Schwingung ging davon aus, deshalb war ich etwas länger weg als ich zunächst wollte“, sprudelt es aus Chiara heraus. „Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht? Pause, oder was ?“ fragt sie neugierig.

„So ähnlich“, antwortet Toni lächelnd und sieht sie dabei liebevoll an. „Ich durfte kurz einen Blick in die Ewigkeit des Universums werfen. Als ich das verstanden hatte, war der Moment da, als Du Deine Hand auf meine Stirn gelegt hast. Das ist das Zeichen, dass wir hier den richtigen Platz gefunden haben.“

Chiaras und Tonis Hochzeit findet am darauffolgenden Tag bei azurblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein statt. Nur ein einziges Mal hört man weit entfernt ein leises Grollen – aber das ist nur die Begleitung zu einem wunderschönen Musikstück aus einer sehr berühmten italienischen Oper…

Sonja Lehmann, Juni 2018

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