La Piazza Magica

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Nimmt man das Flugzeug in Richtung italienische Stiefelspitze, kann man bei klarem Wetter vor der Landung einen kurzen Blick auf die kleinen Häuser werfen, die dichtgedrängt auf einem Felsen thronen, der an zwei Seiten steil zum Meer hin abfällt. Mit dem Auto geht die Reise anschließend auf der kurvigen Landstraße weiter, die hoch oben über der Küste entlangführt. Nach ungefähr einer Stunde, erscheint dann die mächtige Festung der „magischen Stadt“. Der erste Blick fällt auf einen mächtigen Torbogen, der geradeaus in das Centro führt. Hier biegen die meisten Besucher ab, obwohl ihr ursprüngliches Ziel viel weiter im Süden liegt. Wie von ferner Kraft gesteuert, verlassen sie den eigentlichen Weg und tauchen ein in die wunderliche Welt der Città Magica. Der Duft von Thymian und Rosmarin liegt in der Luft, weitläufige Olivenhaine vervollkommnen das klassische Bild des europäischen Südens. Und doch – irgendetwas unterscheidet dieses Städtchen von all den anderen, die sonst zum Touristenmagneten werden.

Folgt man dem seit vielen Jahrhunderten befahrenen Kopfsteinpflaster und schlendert an den terracotta farbenden Häuserfassaden entlang, passiert man weitere Eingänge und geheimnisvolle Torbögen. Gehäkelte Vorhänge an den Fenstern lassen nur ab und zu einen kleinen Blick in die winzigen Zimmer zu. Bunt bedruckte Bambusvorhänge vor den Terrassentüren rascheln im Wind, ab und zu dröhnt ein Lautsprecher eines Radios oder Fernsehsenders. Je nach Uhrzeit und Bewohner duftet es nach Knoblauch, gebratenem Fisch und gegrilltem Fleisch.

merrtraumMitten im Zentrum liegt die kleine Piazza, die sich, wie so oft in Italien direkt vor der Kirche befindet. Kinder aller Altersgruppen treffen sich hier um zu spielen, Eis zu essen und viel Spaß miteinander zu haben. Der Tradition folgend, betrachten alle Generationen des Ortes diesen Treffpunkt als eine Art erweitertes Wohnzimmer, das sie als Nachrichtenbörse und Vermittlungsbüro nutzen. Folgt man dem Weg über die Piazza und der Stichstraße in Richtung Meer, endet der Weg an einem kleinen quadratischen Platz, den seitlich zwei hohe, mehrstöckige Villen begrenzen. In Richtung Westen bietet ein schmiedeisernes Geländer Schutz, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Ein atemberaubendes Panorama liegt vor dem Betrachter, das weit über das türkisblaue Wasser hinausgeht, dessen Wellen meist sanft an die unten liegende Bucht plätschern. Am Horizont erkennt man einen Vulkan, aus dessen Kegel graue Rauchschwaden in die Luft steigen. Als würde die Erde hier mit dem in etwa zwei Bootsstunden entfernten Berg korrespondieren und wichtige Nachrichten austauschen, liegt mehr als nur ein salziger Geruch in der Luft.

Seit einigen Jahren kommen immer mehr verliebte Paare hierher, um sich vor der berauschenden Kulisse das Jawort zu geben. Auch an diesem heißen Juniwochenende im vergangenen Jahr, schlenderte eine junge hübsche Frau und ihr Freund durch die Altstadt und prüften nochmals all jene Plätze und Kulissen, an denen sie am folgenden Tag nach der Trauung ihre Fotos machen wollten. Chiara, so hieß das Mädchen, konnte sich nicht satt sehen an all den Mauern und Winkeln, ehrwürdigen Fassaden und blumenbepflanzten Eingängen. Da ihr eine Entscheidung aber schwer fiel, bog sie immer wieder weiter um eine nächste Hausecke und in eine andere Gasse, um auf gar keinen Fall einen noch schöneren Platz zu übersehen. Sie war so schnell verschwunden, dass ihr Freund Toni nach nur einem kurzen Blick auf die Speisekarte eines Restaurants, sich erstaunt umsah, wo sie geblieben war. Er rief laut ihren Namen, kehrte zu der Stelle zurück, wo sie eine alte Dame gegrüßt hatten, die gebückt und ganz in schwarz gekleidet, völlig in sich vertieft vor einem Hauseingang saß. Aber es war nichts von ihr zu sehen und eine Antwort blieb ebenfalls aus. Toni wartete einen Moment, dann lief er weiter. „Sie wird zurück ins Hotel gelaufen sein“, murmelte er und schlug die Richtung dahin ein. Ein dumpfes Grollen war nun plötzlich vom Meer her zu hören, das ihn zunächst an ein Gewitter denken ließ. Aber die Sonne schien weiterhin, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Er stutzte kurz, ging aber weiter als ein neues tiefes Grummen heranrollte. Zwischen zwei Häuserfronten konnte er auf das Meer sehen, das sich nun schlagartig von türkisblau in ein zunächst geheimnisvolles Dunkel-, dann tiefes Nachtblau und nach ein paar Momenten in ein bedrohliches Grauschwarz verwandelte. Windböen kamen auf und aus den sanften Wellen vom Morgen wurden Gischt schäumende, meterhohe Brecher – so als hätte sich das Wasser verschluckt und wolle mit großer Gewalt den Brocken wieder ausspucken. Der Himmel verfinsterte sich sekundenschnell und kräftige Windböen zerrten an seinen Haaren. „Das ist mehr als unheimlich“ rief er und blieb erschrocken stehen, denn die zunächst eingeschlagene Richtung, die zum Hotel führen sollte, endete an einer steinernen Treppe, die in vielen ausgetretenen Stufen mindestens 50 Meter nach oben führte. Toni drehte sich um und da war sie plötzlich wieder: die zahnlose alte Frau von vorhin stand vor ihm, grinste ihn an und nuschelte: „Il vulcano, il vulcano…avanti avanti“ und wies ihn an, die Stufen zu nehmen und nach oben zu laufen. „Vai vai“ rief sie und ihr gekrümmter Zeigefinger zeigte ganz nach oben auf ein Haus mit vielen dunkelgrünen Fensterläden, von den die meisten verriegelt waren. Toni lief los. Die ersten Stufen waren flach und ganz glatt. So gewann er schnell an Höhe aber nach ein paar Kurven wurden sie uneben, waren mit Gras und Disteln bewachsen, so dass er genau aufpassen musste, wohin er trat. Der Wind nahm an Stärke zu und als er etwa die Hälfte der Treppe geschafft hatte, befand er sich oberhalb der meisten Häuser des Ortes und der Blick auf den Vulkan und das Meer war völlig frei. Zum Sturm und dem mittlerweile tosendem Wind, gesellte sich nun ein grelles Blitzen an der Spitze des Berges. Rote, gelbe und orangefarbene Lavabrocken wurde aus dem Krater weit in den Himmel gespuckt und fielen dann zischend und dampfend ins Meer.

Stufe für Stufe emporlaufend, keuchend und schwitzend, erreichte er schließlich den kleinen Platz am Ende der Stiege. Salzige Schweissperlen liefen ihm von der Stirn in sein Gesicht, das Hemd klebte am Rücken und die nackten Füße, die in einfachen Flipflops steckten, waren blutig, zerschunden von den rauhen Treppenabsätzen und den stachligen Disteln am Weg. Er wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht und hielt Ausschau nach Chiara. Laut rief er mehrmals ihren Namen, jedoch ohne Erfolg. Die kleinen Villen an Rande der Piazza waren scheinbar unbewohnt und nach Luft schnappend,lehnte er sich an eine Kanone, die noch aus Napoleons Zeiten stammte und mit dem schwarzen, glänzenden Rohr direkt aufs Meer und auf den Vulkan zielte. „Maria, wo bist du???“ schrie er nun verzweifelt als er plötzlich stutzte. Ein einziger Balkon in dem Haus mit dem grünen Fensterläden war nicht verschlossen. Die Holzläden waren ordentlich an der Seite eingehakt, dicke rote Geranien blühten in Tontöpfen an der Hauswand. Toni zwang sich ruhig zu atmen, denn ganz leise und noch undeutlich, hörte er Musik. Musik, die aus einer italienischen Oper stammte, die er mit Chiara erst vor ein paar Wochen besucht hatte. Die Töne wurden lauter, der Klang schwoll an und nach einigen Minuten trat ein Mann auf den Balkon. Er war sehr klein, trug eine schwarze Stoffhose, die ihn mit den silbernen Hosenträgern über dem weißen Unterhemd und seiner Zigarre im Mund, an einen Darsteller aus „Der Pate“ erinnerte. Der Mann trat einen Schritt vor zum Geländer, fuhr sich mit einem Kamm durch die vollen weißen Haare und paffte genüsslich eine Zigarre. Scheinbar drehte im Zimmer jemand den Ton noch lauter, denn der Alte begann die rechte Hand hochzunehmen und die Zigarre zum Taktstock umzufunktionieren. Gewaltige Ouvertüren schallten über den Platz und Toni starrte fassungslos hinüber. Fast zeitgleich mit Beginn der Musik, ließ der Sturm nach, das Meer beruhigte sich, der Vulkan war nur noch als grauer, etwas unscharfer Kegel zu erkennen. Der Spuk war vorbei. Nach und nach öffneten sich in den anderen Stockwerken ebenfalls die Fensterläden, Frauen begannen Wäsche aufzuhängen, Katzen schlichen heraus, um sich in der warmen Sonne zu räkeln. Die Musik von gegenüber jedoch spielte weiter und der alte Herr nahm schließlich auf einem kleinen wackligen Hocker Platz, schloß die Augen und hörte entspannt dem musikalischen Kunstwerk zu, ab und zu an seiner Zigarre paffend. Toni setzte sich auf die grün gestrichene Bank neben die Kanone, lehnte sich an und legte den Kopf in den Nacken.

Eine zart nach Zitrone riechende Hand legte sich plötzlich von hinten über seine Augen, die zweite streichelte sanft über seine verschwitzte Stirn. „Hier sitzt Du also in aller Ruhe, während ich mich um die ausgefallensten Fotomotive kümmere“, sagte Chiara hinter ihm. „Du warst auf einmal weg. Um den Überblick zu bekommen und Dich eventuell von oben zu entdecken, bin ich hierher hinaufgelaufen.“ Chiara ging erstaunt um die Bank herum und setzte sich neben ihn. Den Kopf an seine Schulter gelehnt, murmelte sie: „Ich war kurz auf dem Friedhof neben der Kirche als ich auf einem kleinen Grabstein ein Foto eines Ehepaares entdeckte. Sie waren über siebzig Jahre verheiratet. Er war Operndirigent, sie Künstlerin. Sie arbeitete mit den schwarzen Lavasteinen, die das Meer immer wieder bei Sturm an Land spült und gemeinsam lebten sie ein sehr glückliches und langes Leben. So stand es auf einer kleinen Inschrift neben dem Grabstein. Eine eigenartige Schwingung ging davon aus, deshalb war ich etwas länger weg als ich zunächst wollte“, sprudelte es aus Chiara heraus. „Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht? Pause, oder was ?“ fragte sie neugierig.

„So ähnlich“, antwortete Toni. „Ich konnte kurz in die Ewigkeit des Universums blicken – und dabei durfte ich beinahe Deine Hand halten. Aber letztendlich muss es wohl ein ganz wunderbares Zeichen gewesen sein, dass wir den richtigen Platz gefunden haben.“

Chiaras und Tonis Hochzeit fand am nächsten Tag bei azurblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein statt – nur ein einziges Mal hörte man weit entfernt ein leises Grollen – aber das war nur die Begleitung zu einem wunderschönen Musikstück aus einer sehr berühmten italienischen Oper…

Sonja Lehmann

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