Lana – eine Hundeliebe schenkt Achtsamkeit

lanainstagrammIch bin hier….

Sie stand hinten links, mit dem schmalen Rücken an die Außenwand des Holzverschlags gedrückt und klopfte ganz zart mit dem noch etwas zerzausten Schwanz an die rauen, verwitterten Bretter. All ihre Geschwister waren bereits zur halbhohen Klapptür geprescht , drängelten und schubsten sich gegenseitig nach vorne und veranstalteten einen ordentlichen Rabatz, um auf sich aufmerksam zu machen. Lana hingegen bliebt wie angewurzelt dort hinten stehen und schaffte es alleine durch ihren Blick, dass ich wie gebannt auf genau diesen Hundewelpen starrte. „Den da hinten will ich“, sprudelte es mir heraus, ohne zu wissen ob nun ausgerechnet dieser Hund wirklich ein Weibchen war, was ich mir immer gewünscht hatte, ob er schon vergeben war oder ob es sonst einen Einwand geben könnte. „Des is aber a Krückerl, nimm doch lieber den da,“ entgegnete mir der Züchter vehement und zeigte auf einen deutlich größeren Welpen, der Marke „Hier bin ich und ich bin der Chef“, „die da hinten hat`s gerade noch so geschafft, sie ist die letzte von elf Hundewelpen, die ihre Mutter zur Welt brachte und schwächelte schon, da war sie kaum ein paar Minuten auf der Welt. Wahrscheinlich wäre sie in der Natur sowieso gleich eingegangen“, ergänzte er schonungslos ehrlich. „Und genau deswegen muss sie jetzt zu uns“, erwiderte ich trotzig und achselzuckend stieg er über die Schwingtür, zog eine kleine Haushaltsschere aus seiner blauen Latzhose und schnitt einen ordentlichen Haarbüschel hinter dem Ohr ab. Er ging auf Lana zu, die sich, jetzt deutlich noch mehr verschüchtert an die Wand drückte, hob sie mürrisch hoch, zeigte sie mir nochmal von allen Seiten und sagte:“ Also von mir aus, hier stecken`s die Haare ein. Die können Sie schon mal mitnehmen, dann ham´s was zum Hinschnuppern bis Sie in 2 Wochen den Hund abholen. Ich weiß dann schon, dass es der sein soll aber ob`s da wirklich so a Freid ham…aber mir isses ja egal. Hauptsache, Sie zahlen bei Abholung.“

Nimm mich mit…

Ich nahm Lanas Haarbüschel, steckte es vorsichtig in meine Jackentasche und nickte. „Ja klar, ich hole den Hund in 14 Tagen ab. Passen Sie gut auf ihn auf“, ergänzte ich noch. Ich versuchte Lana doch noch zu mir an den Verschlag zu locken aber vorsichtig wie sie bis heute noch ist, blieb sie unbeirrt stehen, wandte den Blick aber keine einzige Sekunde von mir ab. So als wollte sie mir zu verstehen geben, dass es jetzt eine abgemachte Sache sei und sie nur die nächsten beiden Wochen absitzen musste, Kraft tanken wollte, dann würde alles gut werden. Ich nickte ihr zu und dachte:“ Hey, das schaffst Du! Ich hole Dich bald ab, dann gehts ab zu uns nach Hause und Du wirst ein warmes, sicheres Plätzchen haben und Menschen finden, die Dich als ein neues Familienmitglied aufnehmen und beschützen werden.“

Die nächsten Tage vergingen mit den letzten Vorbereitungen für Lanas Einzug wie im Flug und gleichzeitig wuchs die Aufregung, sie endlich nach Hause zu holen. Die Hundehaare hatte ich in eine kleine Glasdose gelegt und ab und zu schnupperte ich daran, um auf keinen Fall zu vergessen, dass es bald eine neue Hunde-Wirklichkeit geben würde. An einem sonnigen Wochenende im Herbst war es dann soweit! Nach einer gut 2-stündigen Autofahrt, die mich auf kurvigen Straßen tief in den bayrischen Wald führte, kam ich endlich beim Züchter an. Als dann die Formalitäten erledigt waren, legte ich dem schmalen, kleinen Hundehals sein erstes Halsband an. Es war leuchtend rot und bot einen tollen Kontrast zum pechschwarzen Fell. Ein bisschen groß war es vielleicht noch aber das würde sich ja bald geben. Lana stand mit zittrigen Beinchen vor uns, allerdings spürte sie genau, dass jetzt wohl endgültig der Abschied von ihren Geschwistern bevorstand und sie den Holzstadl verlassen durfte. Sie hatte es sich mittlerweile schwanzwedelnd zwischen meinen Beinen gemütlich gemacht hatte, so als wollte sie darunter Schutz suchen und versichern, dass die Entscheidung nun getroffen und gut war. Lana gehörte ab sofort zu mir!

Ich hob sie hoch und ein kuschliges Hundebaby schmiegte sich in meine Arme und begann meinen Handrücken genussvoll mit der warmen Zunge abzuschlecken. Menschen, die Hunde lediglich als Flohtaxis und Schmutzschleuder bezeichnen, werden niemals in den Genuss kommen, diese Vertrautheit zwischen Mensch und Tier zu erkennen. Wie dankbar war ich, den kleinen weichen Körper unter den noch hervorstehenden Rippenbögen zu spüren, das pochende Herz zu fühlen und das Gefühl zu erleben, wie sich der Körper eines Lebewesens entspannt, wenn zärtliche und beruhigende Streicheleinheiten diesen liebkosen. Lana kringelte sich in ein Frotteehandtuch, das ich vorsichtshalber auf meinem Schoß ausgebreitet hatte, tat einen tiefen „Schnaufer“ wie man in Bayern sagt, schloss ihre Augen und rührte sich während der zweistündigen Fahrt keinen Millimeter. Ihr Bäuchlein hob und senkte sich, grenzenloses Vertrauen und der untrügliche Schluss, dass nun alles gut werden würde, versetzten sie in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst wieder erwachte, als wir den Motor des Autos vor unserer Garage abstellten. Ich öffnete vorsichtig die Autotür, hob sie heraus und ließ sie über unser Pflaster tappen. Ausgiebig schnupperte sie über den Boden ihrer neuen Heimat und machte auf das kleine Rasenstück vor der Eingangstüre eine kleine gelbe Pfütze, sozusagen als Einstand und Manifestation zum Thema „ich bin die Lana und hier bin ich daheim!“

Ich ziehe bei Dir ein…

Die nächsten Tage und Wochen vergingen wie im Flug. Die Zeit, die ich mir für unseren Neuankömmling nahm, zahlte sich aus und schuf eine Basis, die Hundeprofis wohl als wichtige Prägungsphase bezeichnen. Sicherlich hilfreich war die Tatsache, dass der Grundcharakter des Hundes als überaus familientauglich und menschenbezogen zu bezeichnen ist. Niemals machte Lana etwas kaputt oder zerbiss Schuhe, Tapetenwände, Kissen oder ähnliches, wie es oft bei anderen Welpenbesitzern zu hören ist. Mit einem Urvertrauen in uns, wartete sie schon von Anfang an geduldig, wenn der Menschenfreund für eine gewisse Zeit das Haus verließ oder in einem anderen Zimmer zu tun hatte. Einen gigantisch großen Gleichmut legte Lana dann an den Tag, wenn es darum ging, gut gemeinte Tätscheleien und oft auch ungelenkes Streicheln von Kindern zu ertragen, sei es weil neugieriger Besuch bei uns war oder auf der Straße die Passanten in ein hysterisches „Mein, ist der Süß! Darf ich den streicheln ?“  die Hand nicht von ihr lassen konnte. Niemals schnappte sie nach Händen oder Fingern, allerdings lernte ich bald ihr Verhalten zu lesen, wenn es einfach zuviel wurde. Sie wand sich unter kraulenden Händen, rettete sich wie bei unserer ersten Begegnung zwischen meine Beine oder verließ einfach das Zimmer, wenn ihr die Gefühsbezeigungen zuviel wurden. Kein Bellen oder Knurren wurden als Abschreckung eingesetzt, im Gegenteil. Ich war beim Napfeinfüllen für Ihr Abendessen als sie schwanzwedelnd und etwa 3 Monate alt, neben mir in der Küche stand. Plötzlich kam ein Geräusch von unten, dass zunächst Ähnlichkeit mit einem Hustenanfall hatte. Aber nein ! Es war Lanas erster Bellversuch! Selbst zutiefst erschrocken, was da ihrem Mäulchen entfleuchte, probierte sie es weitere ein, zwei Male. Und siehe da, wie bei einem Kind, das die ersten Worte versucht zu sprechen, gelang nach ein paar Anläufen ein schon recht ordentliches „Wuff“! Sichtlich erfreut über sich selbst, hakte Lana das Erlernte zunächst erst einmal ab, brachte es aber in den nächsten Wochen zur absoluten Professionalität, wenn es bei uns an der Haustür klingelte. Bis heute habe ich es nicht geschafft, diese Funktion umzulenken, beschloss aber über die Jahre, dass das auch nichts schaden könne, wenn bei Fremdklinglern ersteinmal drohendes Hundegebell zu hören ist. Dass das Tier sich eigentlich freut wie Bolle, weil Besuch kommt, kann man dann ja immer noch nach dem Öffnen der Tür vermitteln. Und die Tatsache, dass der Hund wohl eigentlich froh ist, wenn ihm niemand etwas tun will, muss man auch nicht an die große (Haus-)Glocke hängen…

Ich lebe mit Dir…

Alles in allem wuchsen wir in den folgenden Jahren immer enger zusammen. Die Freizeitgestaltung richtete sich nach möglichen Spazierwegen und spannenden Hundewiesen, lange Partynächte wurden in geselliges Beisammensein bei uns zu Hause verwandelt und das höchste Glück für unser neues Familienmitglied war, wenn sie einfach überall dabei sein durfte, was Dank ihrer unerschütterlichen Ruhe kein Problem war und ist. Mir wurde zunehmend bewusster, wie entspannend es ist, in der wenig wasserführenden Mangfall bei großer Hitze im Wasser und nicht am Ufer ein Stück zu laufen. Zu spüren, wie die Zehen eiskalt werden, wenn man sich nicht vom Fleck rührt, wie es jedoch wunderbar kribbelt, wenn man auf den kleinen Kieselsteinen ein Stück läuft. Was für ein wunderbares Gefühl es ist, sich die Füße erst am Sand trockenzulaufen und sich anschließend in der Wiese nebenan die Grashalme durch die Zehen zu ziehen. Wäre mein Lendenwirbel damit einverstanden, hätte ich über die Jahre auch versucht, mich auf den Rücken ins Gras zu legen und zwischen Maulwurfshügeln und Klee meinen Rücken zu schuppern. Ein tiefes Seufzen habe ich wieder schätzen gelernt, wenn einem die Sonne auf den Bauch scheint, die Augen im grellen Sonnenlicht zwinkern und die Lungen sich tief öffnen und ich die klaren Luftströme einatme, die in unserer wunderbaren Landschaft völlig kostenlos zu inhalieren sind. Die Natur zu spüren, egal ob an einem warmen Sommertag oder im Herbst mit den Füssen im gelbem Laub zu rascheln – all dies hat unser  Universum täglich im Angebot. Dies ganz bewusst LanaAutoanzunehmen, lernte ich vor allem in den Spaziergängen  mit Lana. Sogar das genüssliche Verspeisen eines Apfels, der gerade eben vom Baum gefallen war, teilte ich ab und zu mit unserem Hund. Wissenschaftler, Heilpraktiker und Ärzte empfehlen den regelmäßigen Kontakt mit der Natur, geschäftige Coaches bietet teure Naturseminare an , in denen wir genau dieses Erlebnis wieder erlernen sollen. Ein Hundebesitzer erhält dazu täglich die Chance immer neu. Aber auch „Danke“ zu sagen, für all die wunderbaren Dinge, die um uns herum existieren. Ausser vielleicht, wenn man nachts um drei Uhr bei Regen und acht Grad in die klammen Gummistiefel schlüpft, sich die gefütterte Jeansjacke des Ehemanns über den Pyjama zieht und mit klammen Fingern draussen in der einen Hand den Schirm und in der anderen die zu füllenden K…tüte hält, weil der Hund Durchfall hat. Dann braucht es was mehr Euphorie, dem nächtlichen Luftschnappen etwas Positives abzugewinnen. Aber nichts desto trotz hat es etwas Wunderbares, dann die eiskalten Füße bei der Rückkehr ins Bett dem Ehemann zwischen seine Waden zu schieben, damit auch er noch etwas von der gesunden Nachtluft hat….

Was wirklich wichtig ist…

In den Medien ist das Thema Achtsamkeit sich und anderen gegenüber, zur Zeit sehr präsent. Wenn man aber täglich mit dem treusten Freund an seiner Seite durchs Leben geht, bedeutet es die Grundlage für ein wunderbares Miteinander, das immer und immer wieder neu fordert, sich selbst zurückzunehmen, zu reflektieren wo die wirklich wichtigen Dinge passieren. Wie oft verletzt man, vielleicht auch unwissentlich, andere Menschen, schiebt Ausreden vor, um unangenehmen Terminen  auszuweichen und lehnt Einladungen ab ohne genau zu wissen, was man daraus lernen könnte. Das uneingeschränkte Vertrauen meines Hundes hat mich gelehrt ehrlich und neugierig immer wieder meine eigenen Befindlichkeiten zu hinterfragen, auf Menschen zuzugehen und sich zu öffnen für Neues. Erst das Wissen, mit sich selbst im Reinen zu sein, schafft die Voraussetzung Dankbarkeit und Liebe zu erfahren. Ich schöpfe daraus Kraft bei täglichen Kleinigkeiten aber ganz genauso bei anspruchsvollen Herausforderungen, die das Leben für einen bereithält. Bereits die beschriebene erste Kommunikation mit meinem Hund leitete mich an, gute Gedanken und  liebevolle Wünsche auszusenden, positiv zu denken und damit diese Kraft auf andere zu übertragen, getreu dem Motto der Resonanz, dass alles, was man aussendet, zu einem zurückkehrt.

Lana-PorträtAls Lana jeweils zweimal nach großen lebensbedrohenden Operationen kurz davorstand, über die Regenbogenbrücke zu gehen, versuchte ich mit all meiner Kraft, ihr genau diese positiven Schwingungen zu senden. Das Vertrauen in die Professionalität der Tierärztin bezweifelte ich keineswegs aber als mir nach den Anruf der Praxis vermittelt wurde, dass es durchaus eine sehr kritische Situation war, machte ich mich auf den Weg und verbrachte Stunden neben meinem Hund. Schlapp und mutlos hing sie an einer Infusionsflasche, schaffte es kaum den Kopf zu heben, nur ein leises Klopfen mit dem Schwanz, zeigte mir, dass sie froh war, dass ich da war. Ich tat in den folgenden Stunden nichts anderes als einfach nur bei ihr zu sein, beruhigend zu streicheln und sie immer wieder zu bestärken, dass alles gut werden würde. Diesen Juli feierte sie ihren 10. Hundegeburtstag, völlig entspannt und glücklich, sich die Sonne auf ihr operiertes Beinchen und auf den Bauch scheinen zu lassen, den nun eine 15cm lange Narbe ziert.

Wie geht es weiter…

Lanas Hundeliebe wurde mir als ein kleiner Teil des großen Universums geschenkt. Dankbar arbeite ich weiter an mir, Achtsamkeit als Lebensmotto täglich neu zu manifestieren. Und dass treue Hundeliebe nur ein Vorbote der großen Liebe meines Lebens war und ist, ist ebenso unglaublich wie spannend  -aber das ist eine andere Geschichte….

Sonja Lehmann

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La Piazza Magica

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Nimmt man das Flugzeug in Richtung italienische Stiefelspitze, kann man bei klarem Wetter vor der Landung einen kurzen Blick auf die kleinen Häuser werfen, die dichtgedrängt auf einem Felsen thronen, der an zwei Seiten steil zum Meer hin abfällt. Mit dem Auto geht die Reise anschließend auf der kurvigen Landstraße weiter, die hoch oben über der Küste entlangführt. Nach ungefähr einer Stunde, erscheint dann die mächtige Festung der „magischen Stadt“. Der erste Blick fällt auf einen mächtigen Torbogen, der geradeaus in das Centro führt. Hier biegen die meisten Besucher ab, obwohl ihr ursprüngliches Ziel viel weiter im Süden liegt. Wie von ferner Kraft gesteuert, verlassen sie den eigentlichen Weg und tauchen ein in die wunderliche Welt der Città Magica. Der Duft von Thymian und Rosmarin liegt in der Luft, weitläufige Olivenhaine vervollkommnen das klassische Bild des europäischen Südens. Und doch – irgendetwas unterscheidet dieses Städtchen von all den anderen, die sonst zum Touristenmagneten werden.

Folgt man dem seit vielen Jahrhunderten befahrenen Kopfsteinpflaster und schlendert an den terracotta farbenden Häuserfassaden entlang, passiert man weitere Eingänge und geheimnisvolle Torbögen. Gehäkelte Vorhänge an den Fenstern lassen nur ab und zu einen kleinen Blick in die winzigen Zimmer zu. Bunt bedruckte Bambusvorhänge vor den Terrassentüren rascheln im Wind, ab und zu dröhnt ein Lautsprecher eines Radios oder Fernsehsenders. Je nach Uhrzeit und Bewohner duftet es nach Knoblauch, gebratenem Fisch und gegrilltem Fleisch.

merrtraumMitten im Zentrum liegt die kleine Piazza, die sich, wie so oft in Italien direkt vor der Kirche befindet. Kinder aller Altersgruppen treffen sich hier um zu spielen, Eis zu essen und viel Spaß miteinander zu haben. Der Tradition folgend, betrachten alle Generationen des Ortes diesen Treffpunkt als eine Art erweitertes Wohnzimmer, das sie als Nachrichtenbörse und Vermittlungsbüro nutzen. Folgt man dem Weg über die Piazza und der Stichstraße in Richtung Meer, endet der Weg an einem kleinen quadratischen Platz, den seitlich zwei hohe, mehrstöckige Villen begrenzen. In Richtung Westen bietet ein schmiedeisernes Geländer Schutz, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Ein atemberaubendes Panorama liegt vor dem Betrachter, das weit über das türkisblaue Wasser hinausgeht, dessen Wellen meist sanft an die unten liegende Bucht plätschern. Am Horizont erkennt man einen Vulkan, aus dessen Kegel graue Rauchschwaden in die Luft steigen. Als würde die Erde hier mit dem in etwa zwei Bootsstunden entfernten Berg korrespondieren und wichtige Nachrichten austauschen, liegt mehr als nur ein salziger Geruch in der Luft.

Seit einigen Jahren kommen immer mehr verliebte Paare hierher, um sich vor der berauschenden Kulisse das Jawort zu geben. Auch an diesem heißen Juniwochenende im vergangenen Jahr, schlenderte eine junge hübsche Frau und ihr Freund durch die Altstadt und prüften nochmals all jene Plätze und Kulissen, an denen sie am folgenden Tag nach der Trauung ihre Fotos machen wollten. Chiara, so hieß das Mädchen, konnte sich nicht satt sehen an all den Mauern und Winkeln, ehrwürdigen Fassaden und blumenbepflanzten Eingängen. Da ihr eine Entscheidung aber schwer fiel, bog sie immer wieder weiter um eine nächste Hausecke und in eine andere Gasse, um auf gar keinen Fall einen noch schöneren Platz zu übersehen. Sie war so schnell verschwunden, dass ihr Freund Toni nach nur einem kurzen Blick auf die Speisekarte eines Restaurants, sich erstaunt umsah, wo sie geblieben war. Er rief laut ihren Namen, kehrte zu der Stelle zurück, wo sie eine alte Dame gegrüßt hatten, die gebückt und ganz in schwarz gekleidet, völlig in sich vertieft vor einem Hauseingang saß. Aber es war nichts von ihr zu sehen und eine Antwort blieb ebenfalls aus. Toni wartete einen Moment, dann lief er weiter. „Sie wird zurück ins Hotel gelaufen sein“, murmelte er und schlug die Richtung dahin ein. Ein dumpfes Grollen war nun plötzlich vom Meer her zu hören, das ihn zunächst an ein Gewitter denken ließ. Aber die Sonne schien weiterhin, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Er stutzte kurz, ging aber weiter als ein neues tiefes Grummen heranrollte. Zwischen zwei Häuserfronten konnte er auf das Meer sehen, das sich nun schlagartig von türkisblau in ein zunächst geheimnisvolles Dunkel-, dann tiefes Nachtblau und nach ein paar Momenten in ein bedrohliches Grauschwarz verwandelte. Windböen kamen auf und aus den sanften Wellen vom Morgen wurden Gischt schäumende, meterhohe Brecher – so als hätte sich das Wasser verschluckt und wolle mit großer Gewalt den Brocken wieder ausspucken. Der Himmel verfinsterte sich sekundenschnell und kräftige Windböen zerrten an seinen Haaren. „Das ist mehr als unheimlich“ rief er und blieb erschrocken stehen, denn die zunächst eingeschlagene Richtung, die zum Hotel führen sollte, endete an einer steinernen Treppe, die in vielen ausgetretenen Stufen mindestens 50 Meter nach oben führte. Toni drehte sich um und da war sie plötzlich wieder: die zahnlose alte Frau von vorhin stand vor ihm, grinste ihn an und nuschelte: „Il vulcano, il vulcano…avanti avanti“ und wies ihn an, die Stufen zu nehmen und nach oben zu laufen. „Vai vai“ rief sie und ihr gekrümmter Zeigefinger zeigte ganz nach oben auf ein Haus mit vielen dunkelgrünen Fensterläden, von den die meisten verriegelt waren. Toni lief los. Die ersten Stufen waren flach und ganz glatt. So gewann er schnell an Höhe aber nach ein paar Kurven wurden sie uneben, waren mit Gras und Disteln bewachsen, so dass er genau aufpassen musste, wohin er trat. Der Wind nahm an Stärke zu und als er etwa die Hälfte der Treppe geschafft hatte, befand er sich oberhalb der meisten Häuser des Ortes und der Blick auf den Vulkan und das Meer war völlig frei. Zum Sturm und dem mittlerweile tosendem Wind, gesellte sich nun ein grelles Blitzen an der Spitze des Berges. Rote, gelbe und orangefarbene Lavabrocken wurde aus dem Krater weit in den Himmel gespuckt und fielen dann zischend und dampfend ins Meer.

Stufe für Stufe emporlaufend, keuchend und schwitzend, erreichte er schließlich den kleinen Platz am Ende der Stiege. Salzige Schweissperlen liefen ihm von der Stirn in sein Gesicht, das Hemd klebte am Rücken und die nackten Füße, die in einfachen Flipflops steckten, waren blutig, zerschunden von den rauhen Treppenabsätzen und den stachligen Disteln am Weg. Er wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht und hielt Ausschau nach Chiara. Laut rief er mehrmals ihren Namen, jedoch ohne Erfolg. Die kleinen Villen an Rande der Piazza waren scheinbar unbewohnt und nach Luft schnappend,lehnte er sich an eine Kanone, die noch aus Napoleons Zeiten stammte und mit dem schwarzen, glänzenden Rohr direkt aufs Meer und auf den Vulkan zielte. „Maria, wo bist du???“ schrie er nun verzweifelt als er plötzlich stutzte. Ein einziger Balkon in dem Haus mit dem grünen Fensterläden war nicht verschlossen. Die Holzläden waren ordentlich an der Seite eingehakt, dicke rote Geranien blühten in Tontöpfen an der Hauswand. Toni zwang sich ruhig zu atmen, denn ganz leise und noch undeutlich, hörte er Musik. Musik, die aus einer italienischen Oper stammte, die er mit Chiara erst vor ein paar Wochen besucht hatte. Die Töne wurden lauter, der Klang schwoll an und nach einigen Minuten trat ein Mann auf den Balkon. Er war sehr klein, trug eine schwarze Stoffhose, die ihn mit den silbernen Hosenträgern über dem weißen Unterhemd und seiner Zigarre im Mund, an einen Darsteller aus „Der Pate“ erinnerte. Der Mann trat einen Schritt vor zum Geländer, fuhr sich mit einem Kamm durch die vollen weißen Haare und paffte genüsslich eine Zigarre. Scheinbar drehte im Zimmer jemand den Ton noch lauter, denn der Alte begann die rechte Hand hochzunehmen und die Zigarre zum Taktstock umzufunktionieren. Gewaltige Ouvertüren schallten über den Platz und Toni starrte fassungslos hinüber. Fast zeitgleich mit Beginn der Musik, ließ der Sturm nach, das Meer beruhigte sich, der Vulkan war nur noch als grauer, etwas unscharfer Kegel zu erkennen. Der Spuk war vorbei. Nach und nach öffneten sich in den anderen Stockwerken ebenfalls die Fensterläden, Frauen begannen Wäsche aufzuhängen, Katzen schlichen heraus, um sich in der warmen Sonne zu räkeln. Die Musik von gegenüber jedoch spielte weiter und der alte Herr nahm schließlich auf einem kleinen wackligen Hocker Platz, schloß die Augen und hörte entspannt dem musikalischen Kunstwerk zu, ab und zu an seiner Zigarre paffend. Toni setzte sich auf die grün gestrichene Bank neben die Kanone, lehnte sich an und legte den Kopf in den Nacken.

Eine zart nach Zitrone riechende Hand legte sich plötzlich von hinten über seine Augen, die zweite streichelte sanft über seine verschwitzte Stirn. „Hier sitzt Du also in aller Ruhe, während ich mich um die ausgefallensten Fotomotive kümmere“, sagte Chiara hinter ihm. „Du warst auf einmal weg. Um den Überblick zu bekommen und Dich eventuell von oben zu entdecken, bin ich hierher hinaufgelaufen.“ Chiara ging erstaunt um die Bank herum und setzte sich neben ihn. Den Kopf an seine Schulter gelehnt, murmelte sie: „Ich war kurz auf dem Friedhof neben der Kirche als ich auf einem kleinen Grabstein ein Foto eines Ehepaares entdeckte. Sie waren über siebzig Jahre verheiratet. Er war Operndirigent, sie Künstlerin. Sie arbeitete mit den schwarzen Lavasteinen, die das Meer immer wieder bei Sturm an Land spült und gemeinsam lebten sie ein sehr glückliches und langes Leben. So stand es auf einer kleinen Inschrift neben dem Grabstein. Eine eigenartige Schwingung ging davon aus, deshalb war ich etwas länger weg als ich zunächst wollte“, sprudelte es aus Chiara heraus. „Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht? Pause, oder was ?“ fragte sie neugierig.

„So ähnlich“, antwortete Toni. „Ich konnte kurz in die Ewigkeit des Universums blicken – und dabei durfte ich beinahe Deine Hand halten. Aber letztendlich muss es wohl ein ganz wunderbares Zeichen gewesen sein, dass wir den richtigen Platz gefunden haben.“

Chiaras und Tonis Hochzeit fand am nächsten Tag bei azurblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein statt – nur ein einziges Mal hörte man weit entfernt ein leises Grollen – aber das war nur die Begleitung zu einem wunderschönen Musikstück aus einer sehr berühmten italienischen Oper…

Sonja Lehmann

Glück durch Urvertrauen

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Irgendwo im Süden Afrikas…Beim Einsteigen in einen öffentlichen Bus quetsche ich mich an den verschiedensten Mitfahrern vorbei. Bunt gemischt drängen sich Männer und Frauen, Kinder, Studenten und Besucher aus aller Welt. Sie spiegeln besser als jedes Lexikon die Verschiedenheit dieses Landes wieder, repräsentieren in realen Personen dessen immense Vielfältigkeit. Fasziniert beobachte ich eine Frau, die ihr Kleinkind auf dem Rücken trägt, fest verzurrt mit einem farbenfrohen lila Tuch. Sie hatte sich durch das Gedränge bereits ein Stück weit in Richtung Türe gekämpft und wartete nun anscheinend auf den nächsten Stopp, um auszusteigen und wieder in ihre eigene Welt einzutauchen. Mein Blick haftet an ihrem kleinen Baby, das geborgen und sicher am Rücken liegt. Der Körperkontakt zur Mutter, die direkte Übertragung der Atemzüge und der ihm seit der Geburt vertraute Geruch, erschaffen eine Art Kokon, in dem das Kleine sicher und mit all seinen Sinnen mit der Frau verbunden ist. Ein neugieriger kurzer Blick aus den großen dunklen Augen begegnet mir, bevor nach einem tiefen Seufzen der kleine linke Daumen kurz in den Mund wandert. Nach ein paar Minuten entspanntem Nuckelns, übermannt der Schlaf das Kind und es merkt nicht einmal mehr das ruckartige Bremsen vor der nächsten Haltestelle.

Einmal mehr frage ich mich ob wir uns hier in unserer scheinbar so perfekten Welt nicht viel mehr wieder auf den wahr-„haft“-igen Kontakt zu anderen Menschen besinnen sollten. Eine kleine Geste echter Aufmerksamkeit, ein freundliches Berühren am Arm oder eine herzliche Umarmung lassen uns wirklich spüren, dass man nicht alleine ist. Die Zuversicht jemandem nah zu sein und das Wissen, dass das Herz des anderen für Dich schlägt ist heilsam und macht stark. Da wäre ein bisschen mehr „Afrika-Feeling“ oft einfacher und leichter zu vermitteln als es die oft schwierige Suche nach echter Wärme in unserer westlichen europäischen Welt ist.

Sonja Lehmann

(Oster)- WortmalerEi

17073df6cd1e1d9ad9a18447af8a018fEndlich ist es soweit! Die Frühlingssonne lacht vom stahlblauen Himmel und warme Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut. Plötzlich ist es ganz einfach und leicht Träumen nachzuhängen, Pläne zu schmieden, einen neuen Weg zu gehen…oder doch nicht ?…

In den Schaufenstern und auf Werbeplakaten hüpfen lustige Osterhasen herum, saftige Grasbüschel aus Plastik bieten sich als zusätzliche Accessoires an. Inspirationen, Vorschläge, Animation. Aber wo bleibt die eigentliche Kreativität eines jeden Einzelnen von uns ?Optimierte Suchmaschinen katapultieren uns sekundenschnell in virtuellen Reisen in die ganze Welt, Webcams in fernen Ländern berichten in Echtzeit über Sonnenscheindauer, Niederschlag und Sturmböen. Die bunte Welt der Illustrierten schlägt ausführlich vor, wie man Mode zu tragen, Kosmetik zu schminken und ergänzende Lebensmittel zu essen hat. Der Mensch erhält ein Update der aktuellen Jahreszeit und gleichzeitig dazu eine Gebrauchsanleitung. Aber wo verbleiben unsere wirklichen Sinne ? Wann nehmen wir uns Zeit und schnuppern an den ersten Grashalmen, die aus der Erde spitzen ? Hören wir bewusst morgens die Vögel zwitschern ? Bemerken wir den tiefblauen Himmel über uns ?

Mehr und mehr wächst die Sehnsucht, diesem Gefühl wieder zu begegnen. Warum nicht jetzt damit starten? Warum nicht über den Weg des Lesens neues Bewusstsein erlangen, Entwicklungen verfolgen, Anregungen dazu zu erhalten ?

d636d7eb77edf6fc5ed215fbcca3641fUnd sich in einen spannenden Text vertiefen? Sich in den Sog einer spannenden Geschichte hineinziehen zu lassen? Mit einer zarten Liebesromanze mitfiebern oder aufregenden Erzählungen folgen? Was hindert uns daran, die Phantasie neu anzuregen und sich Seite für Seite mit Buchstaben und deren raffinierter Verknüpfung in eine andere Welt zu begeben ?

Man muss sich dafür keine Zeit stehlen. Es genügt, Handy und Laptop bewusst vorübergehend zur Seite zu legen und einfach einzutauchen in die Welt der Wortmalerei. Bewusst herauszufinden, welchen Worten wir folgen wollen. So wie wir aus dem vielfältigen Angebot der Medien wählen, so einzigartig bieten Texte und Geschichten die Möglichkeit, sie und sich selbst zu finden.

Ganz ohne Osterei aber dafür mit viel Nachhaltigkeit, (Ent)Spannung und unglaublichen Abenteuern.

Sonja Lehmann

Seelensonne schenkt Kraft

Sonnenuntergang:WüsteDie Sonne versinkt  Zentimeter für Zentimeter hinter einer Sanddüne. Mit dem Farbspiel in zarten Rosétönen fällt ein letztes warmes Licht auf die Landschaft und begleitet den Vorgang, der sich Tag für Tag wiederholt. Es ist die unendliche Geschichte von Aufstieg und Niedergang, von Wachstum und Reduktion.

 

Wie perfekt hat es die Natur eingerichtet! Der Tag beginnt mit einem leichten Schimmer am nachtschwarzen Himmel. Zart zeichnet sich durch das Aufgehen der Sonne zunächst ein kleines Licht, später dann gleissende Helligkeit ab. Der gegengleiche Vorgang am Ende eines Tages bringt den Kreislauf zum erwarteten Finale. Ein hoffentlich niemals endendes Schauspiel nimmt seinen Lauf. Allein das Bewusstsein, dass die Natur dieses einzigartige Lebensrad seit Urzeiten vorgibt, erfüllt den Menschen in seiner Ursprünglichkeit mit Sicherheit und Zuversicht. Die Stunden zwischen Tag und Nacht füllen sich mit Leben, mit Arbeit aber auch mit all jenen Dingen, die sich der Mensch zusätzlich erschaffen und integriert hat. Tägliches Streben, den Tagesablauf mit all den inzwischen so wichtigen Terminen abzuhaken und die Aufgaben für den neuen Tag festzulegen, bezeichnen wir als Lebensinhalte. Doch mehr und mehr Menschen fühlen sich davon überfordert, werden im Extremfall krank.Closeup of some sand on the shore

Es fehlt im Kalender wichtige Zeit, um Luft zu holen. Wir hetzen durch den Tag als gäbe es kein Morgen mehr und spüren doch, dass es schwieriger wird, allem gerecht zu werden. Der Familie, dem Arbeitgeber aber vor allen Dingen – sich selbst. Innehalten, das „Ich“ spüren, den Kopf in den Nacken legen und die Wolken am Himmel ziehen sehen – diese Inhalte sind selten geworden.

Wir haben oft verlernt, Stress im Alltag in gesunde Bahnen zu lenken. Sogenannte Frei-Zeit bedeutet  in der Umsetzung häufig, sich n i c h t  den vielfältigen Angeboten der Natur anzunehmen, um neue Kraft zu tanken, sondern ist geprägt von zusätzlichem Ansporn und Ehrgeiz an sich selbst. Hilfe findet man in der bewussten Wahrnehmung, dass die Natur mit all ihren Wundern ebenso ein Element des Lebensrades ist wie wir. Ein Teil des Ganzen, das uns formt und facettenreich leben lässt. Das jedoch die sicheren Umdrehungen nur dann erreicht, wenn die einzelnen Bauteile im Einklang stehen.

Nutzen wir wieder die Möglichkeiten, die kleinen Dinge im Leben zu sehen. Sie sind es, die uns Herzenswärme und Zuversicht geben. Unvergessliche, positiv geprägte Eindrücke für die Seele vermitteln neue Lebenskraft und verhelfen dem  Körper zu effektiver Regeneration in Ruhezeiten und aktiven Phasen.

 

Sonja Lehmann

Kinder – Seelen dieser Welt…

drumsofafrikaDie Trommeln schlagen laut und hart… der lehmige Sandboden vibriert unter den regelmäßigen Rhythmen. Stampfende Füße der Männer und Frauen, die eng hintereinander im Kreis tanzen, begleiten die Lieder, die sie kraftvoll singen. Mit Einbruch der Nacht erklingt Musik, die jahrhundertelang von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie erzählt die Legenden des Stammes, die bis heute überliefert sind. In der Runde tanzend, die Körper mit glänzendem Öl eingerieben und kunstvoll mit Farben und Mustern bemalt, verlieren sich Individuen und verschmelzen zu einem Ring aus sich ineinander bewegenden Leibern. Immer schneller werden die Schläge auf die mit Tierhäuten bespannten Instrumente. Kehliger Gesang begleitet die Töne, die ihr Leben, ihre Geschichte und ihre Identität nicht nur über die Stimme zum Ausdruck bringt, sondern bis in den tiefsten Winkel der Seele spüren lässt.

Etwas abseits, im Schutz eines Holzschuppens kauert ein kleines Mädchen. Die dünnen Ärmchen fest um die angezogenen Knie geschlungen, blickt sie mit großen, beinahe tiefschwarzen Augen auf die sich vor ihr bewegende Menschenmenge. Alleine verfolgt sie nun das sich jährlich wiederholende Fest, das sie bis zu diesem Sommer über alles liebte. Seit einigen Monaten hatte sich alles verändert. Das unbeschwerte Leben, das sie in der Gemeinschaft ihrer großen Familie führte, nahm eine tragische Wendung als bei einem Ausflug von Touristen, den ihr Vater als Fährtensucher begleitete, der schreckliche Unfall passierte. Während die Gruppe ein Rudel Elefanten am Wasserloch beobachtete und einige der Fotografen zu nahe an ein Elefantenkalb herankamen, ging eine der Elefantenkühe zum Angriff über. Haileys Vater, der sich beschützend vor seine Gruppe stellte und sie mit langsamen Schritten zum Rückzug und damit in Sicherheit brachte, konnte sich selbst nicht mehr aus der Gefahrenzone retten. Riesige spitze Stoßzähne erfassten ihn und die Elefantenmutter schleuderte ihn über den holprigen Fahrweg. Den abseits geparkten Jeep erreichten die anderen Männer und Frauen im letzten Moment, das wütende Tier aber griff noch einmal an. Haileys Vater hatte keine Chance und starb noch an Ort und Stelle. Hailey zerbrach fast am Schmerz um den Verlust. Doch ein wunderbarer kleiner Glücksbringer wuchs ganz langsam in ihrer kleinen Seele heran und lernte sie, das Leben erneut zu lieben.

feder

Sie öffnet im Feuerschein der Fackeln  ihre kleine, zu einer Faust geballte Hand. Etwas zerdrückt aber wunderbar flauschig liegt darin eine kleine Vogelfeder. Auf den ersten Blick zart und zerbrechlich wie sie selbst, war sie doch stark und offen für alle Entwicklungen im Leben. Es war ein Geschenk von einer jungen Frau aus Deutschland, die vor einigen Wochen ihre Schule besuchte. Sie erzählte, sie käme aus einem Land, wo im Winter kalte weiße Sterne vom Himmel fallen, die in der Hand schmelzen, wenn man versucht, sie aufzuheben. Schon nach wenigen Tagen verband sie eine innige Zuneigung. Sie entdeckten zusammen neu,wie schön die Welt doch war. Wie das Gefühl von Glück und Zufriedenheit wieder wachsen kann, wenn man miteinander lacht, spielt und auch ein bisschen Unfug treibt. Als wären sie zwei Seelenverwandte, die sich nach vielen Umwegen wieder entdeckt haben, verbrachten sie viele Tage und Wochen, in denen sie unzertrennlich waren. Als der Tag des Abschieds kam, schenkte sie Hailey die winzige Vogelfeder. Es war ein Andenken und gleichzeitig ein Symbol, wie weit zarte Flügel wie diese, ein Lebewesen tragen können, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Es war auch ein Versprechen, dass durch Zuversicht weite Schwingen wie diese in eine neue Welt führen und den Horizont ein Stück weit nach hinten schieben.

Hailey beginnt zu lächeln. Sie steht auf, verlässt ihren Platz an der Hütte und mischt sich mit großen Schritten in die tanzende Menge. Getragen vom Klang der vertrauten Musik und der Nähe der Menschen spürt sie, wie sich ihr Körper aufrichtet. Sie nimmt die Schwingung der Trommeln vollkommen in sich auf und setzt ihre Schritte , einen nach dem anderen, weiter voran. Ihre Seele wird von nun an in einem Körper wohnen, der schwarz und weiß kennt, Gut und Böse, Licht und Schatten. Und es fühlt sich gut und richtig an.

 

Sonja Lehmann

 

 

 

Sehnsuchtsträume

TraumbildEin neues Jahr beginnt mit Träumen. Neuen, noch verschwommenen Zielen. Fernweh.

Sehnsuchtsträume – eine neue Geschichte als Balsam für die Seele, zum Nachdenken und in die Ferne schweifen…

378fbcf0b997664e4a5ee58f6bbdef83Ari holte lustlos das braune Tablett aus der Küche und begann den einzigen Tisch abzuräumen, der an diesem Mittag im Februar besetzt gewesen war. Jetzt in der Vorsaison kamen nur wenige Touristen auf die Insel und eigentlich lohnte es sich nicht, die Taverne überhaupt zu öffnen. Maria, Aris große Schwester sah das allerdings völlig anders. „Wir sind ein gastfreundliches Volk und wir lassen niemanden hungrig wieder gehen, auch wenn es nur ein einziger Besucher ist.“ Das war ihr Grundsatz und daran gab es nichts zu rütteln…mehr lesen…